Wir machen Kacheln!

Bereits am frühen Nachmittag reisten Kunden und Freunde des Traditionsbetriebes an und genossen nach einer kurzen Stärkung in der gemütlichen Ausstellung eine Führung durch das Unternehmen. Den Rundgang leitete Junior Christoph Angermayer, Familienmitglied der 4. Generation, der uns jeden Produktionsschritt sachkundig erklärte.

Kerngeschäft Kachel
Die Kachelherstellung stellt heute das Kerngeschäft dar – aktuell mit einem prächtigen rokoko Kachelofen, der gerade für ein ehemaliges Kloster in Prag nach einem vorliegenden Foto rekonstruiert wird. Da der Ofen mit fast vier Metern Gesamthöhe höher ist als die Betriebsräume in Eberschwang wurde er auf zwei Hälften geteilt, die nun separat erarbeitet werden. Dabei spielt Mitarbeiter Franz „der Zuckerbäcker“ eine zentrale Rolle: er ist zuständig für den „barocken Schwung“ und modelliert mit künstlerischen Fingerspitzengefühl die aufwändigen Skulpturen und Kacheldekorationen. Bei Angermayer ist jeder Mitarbeiter für „seinen“ gesamten Ofen zuständig – so auch Oliver „der Rundofenspezialist“. Ihm kann in Sachen Empireöfen niemand das Wasser reichen und es ist eine Freude, ihm beim konzentrierten Arbeiten zuzuschauen.
Von den Modellierstuben geht die Führung weiter zur Glasur, wo wir dem Vergoldermeister Hermann über die Schulter schauen dürfen, und in die Malerei. Dort wirkt Keramikmaler Andreas Angermayer, Bruder von Seniorchef Michael. Er erklärt uns seine Technik und die Farben, die zum Einsatz kommen. Beim Bemalen von Ton muss man großes Fachwissen und einen mutigen Herangang haben – denn man hat nur eine Chance, Korrekturen sind nicht möglich. Die Besucher spendeten spontan Applaus für diese meisterliche Leistung.
Anschließend bekamen wir eine exklusive Führung im Museum Volkskundehaus Ried, das der Firma Angermayer und insbesondere einem ihrer Begründer, Prof. Karl M. Adlmannseder, zurzeit eine Sonderausstellung widmet.

Beeindruckende Firmengeschichte
In seiner Laudatio ließ Alt-LIM Peter Böckl die langjährige Erfolgsgeschichte des Familienunternehmens Revue passieren:
„1927 beschloss der junge Anton Angermayer gemeinsam mit seinem Cousin Karl Adlmannseder einen Keramikbetrieb in Eberschwang zu begründen. Beide hatten eine solide Ausbildung im In- und Ausland absolviert und waren kongeniale Kollegen. Bereits 1928 wurde der heutige Firmensitz erbaut. Die zwei neuen elektrischen Muffelöfen waren die Ersten im mitteldeutschen Raum. Allerdings schlug sich die Weltwirtschaftskrise auch auf das junge Unternehmen durch und so war man infolge von Auftragsmangel gezwungen Gebrauchskeramik, Schüsseln, Krüge und Figürchen herzustellen. Es gab eine große Nachfrage, da alles individuell erzeugt wurde.
In den späten 1930er Jahren richtete sich die öffentliche Wahrnehmung auch international auf den aufstrebenden Betrieb. Künstlerische Hochleistungen von Adlmannseder und handwerkliches Geschick von Anton Angermayer führten fortan zu Wachstum und Erfolg. Exponate bei der Kunsthandwerksausstellung in München 1937 bzw. bei der Weltausstellung 1935 in Brüssel sorgten international für großes Echo. Aufgrund dieser Erfolge entschloss sich das Duo verstärkt auf Ofenkeramik und Keramikmalerei zu setzen. Nach dem 2. Weltkrieg konnte man an diese Erfolge anknüpfen.
Antons Sohn Hugo Angermayer, der Vater von Michael, erlernte das Handwerk und leitete den Betrieb von 1969 bis 1989. Der plötzliche Tod des mittlerweile zum Professor ernannten Karl Adlmannseder war damals ein tiefer Einschnitt in die Geschichte des Unternehmens. 1994 starb Firmengründer Anton Angermayer, hochgeschätzt und mit vielen Auszeichnungen dekoriert (Goldenes Verdienstzeichen der Republik, Konsulent der OÖ. Landesregierung und Ehrenringträger der Gemeinde Eberschwang).
In der Zeit des Ölschocks rückte die 3. Generation nach: Michael Angermayer absolvierte die Doppellehre als Keramiker und Hafner und 1982 die Meisterprüfung. 1989 übernahm er den Betrieb. Gemeinsam mit seiner Frau Monika und seinem Bruder Andreas wurde das traditionelle Handwerk mit künstlerischer Ausprägung fortgesetzt. Andreas Angermayer hat sich ganz der Keramikmalerei hingegeben und tut dies mit unglaublichem Können, Kreativität und künstlerischer Ausdruckskraft. Viel zu früh starb Hugo Angermayer im Jahr 2004. Die nächste Generation ist nun mittendrin: Christoph hat sich in der Branche bereits einen Namen gemacht. Nicht nur als Keramiker sondern auch als Fachmann für alte Kachelöfen, Restauration und Dokumentation.
Es sind Attribute wie Stil und Geschmack, Qualität und Können, Bescheidenheit und Familiensinn, die die Familie Angermayer auszeichnen und ausmachen. Mit der Zeit zu gehen, aber nicht jedem schnelllebigen Modetrend folgen. Das sollte uns in der gesamten Branche eine Herzensangelegenheit sein. Ihr dürft stolz sein auf das, was hier in 90 Jahren geschaffen wurde. Ihr stellt Eure Zeit nicht nur dem Betrieb, sondern auch der Landesinnung in großem Ausmaß zur Verfügung. Wir können uns glücklich schätzen, Betriebe und Persönlichkeiten wie Euch zu haben.“

Reportage: 90 Jahre Angermayer