Wo das Unmögliche etwas Alltägliches ist

Filigran, anziehend schön und auch ein wenig geheimnisvoll sind die Objekte der Keramikerin Heide Nonnenmacher. Letzteres ist von der Gestalterin durchaus beabsichtigt. Denn auch wenn sie mit ihren Formen den Betrachter zunächst in eine fremde Welt zu entführen scheint, entspringen die Strukturen nicht der reinen Phantasie der Künstlerin, sondern der Flora und Fauna.

„Die Idee, ein Wespen- oder Hornissennest in seinen Feinheiten und auch in seinem geometrischen Aufbau in Porzellan nachbilden zu wollen, war der Beginn meiner neuen Porzellanobjekte“, so die Keramikerin, „Das Ziel war ein Innenleben der gefäßförmigen Objekte so fein zu gestalten, dass der Betrachter fast einer optischen Täuschung unterliegt. Ist es nun Papier, Stoff oder ein anderes Material?“ Sehr bald entstanden auch Blütenkelche und andere Pflanzen-Elemente des botanischen Gartens. Es folgten Objekte aus der Unterwasserwelt, wie Korallen und Radiolarien. Die feinen Strukturen der nur ein paar Millimeter großen Strahlentierchen faszinieren Heide Nonnenmacher schon lange und im gestalteten Porzellan sind sie in diesem Micro/Macro Kosmos auf das Feinste ausgearbeitet. Die Hülle wird zunächst in einer Form gegossen oder aus dem Grundmaterial Porzellan hauchdünn in organischen Formen herausgedrückt. Anschließend werden mit dünnem, langfaserigem Papier als Träger die feinen Innenstrukturen gestaltet.

Reizvolle Herausforderung 

Bei diesen Meisterwerken erkennt man sofort die Perfektion und die lange Erfahrung im Umgang mit dem Material Porzellan. Häufig sind die umschließenden äußeren Schalen mit Strukturen oder feinen Ornamenten versehen. Das hauchdünne Innenleben schmiegt  sich zerbrechlich an die harte Schale an. Diese Objekte sind auch eine reizvolle Herausforderung für den Betrachter. Das Spiel von Nähe und Distanz, vom Erfassen auf den ersten Blick, und das gezielte Eintauchen in die zarten Strukturen der Innenwelten eröffnet eine neue Sichtweise. Mit ihren Arbeiten führt Heide Nonnenmacher nicht nur die Schönheit und Formenfülle der Natur vor Augen, sie zeigt damit auch eine große Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten von unterschiedlichsten Variationen und Dimensionen.

Fragilität und Transparenz 

Die Keramikerin, die seit der Gründung ihres eigenen Ateliers im Jahr 1982 vielfach mit Preisen ausgezeichnet wurde, bewegt sich gerne auf neuen Wegen. Fragilität und Transparenz sind jedoch seit Beginn ihr Thema. Zwischen der Idee für die neuen Arbeiten bis zum geglückten Entwurf lag eine lange Periode von unzähligen Experimenten und neuen Anfängen. Am Ende aber ein befriedigendes Ergebnis, das Bestand hat und wieder zu weiteren Entwicklungen führt. „Das ist ein wichtiger Teil von mir: Wenn ich eine Idee habe, arbeite ich mit großem Enthusiasmus an dem Projekt, bis ich es zufriedenstellend gelöst habe. Gleichzeitig suche ich immer neue Herausforderungen.“ Positive Unruhe und Neugierde, Offenheit für alles, was in der Natur vorkommt, Spontanität und Experimentierfreude sind laut eigener Aussage der Antrieb, dem sie die Entwicklung von der Keramikerin zur gestaltenden Künstlerin verdankt. Mit eigenen Experimenten und in Workshops erweitert sie ständig ihr Wissen und lernt neue Techniken und Möglichkeiten kennen.

Vielfältige Impulse

Internationale Symposien und Ausstellungen führten sie bisher u.a. nach Japan, Russland, Österreich, Ungarn, Slowenien, Frankreich und China. Die eigenen Arbeiten im Spiegel anderer Kulturen zu sehen treibt sie an und fordert sie zugleich. Im kommenden Jahr kann sich die Gestalterin von der Kultur und Tradition Asiens inspirieren lassen. Ein Arbeitsstipendium führt sie nach Taipei; ein Austauschprogramm des Yingge Museums.

Das Atelier von Heide Nonnenmacher ist ein historisches Fachwerkhäuschen, unten Scheune und Galerie, oben die Werkräume. Seit Jahren lebt und arbeitet sie in Nattheim. In dieser ländlichen Umgebung auf der Ostalb findet sie Inspiration und Ruhe. Ganz in der Nähe, im Raum Heidenheim, entdeckte man fossile Hinterlassenschaften aus der Jurazeit – Korallen, Schwämme, Seeigel und Radiolarien. Durch die Verkieselung lassen sich die Fossilien aus dem Gestein herausätzen und erscheinen so in einer Lebendigkeit mit all den feinen Strukturen und Ziselierungen – für die Keramikerin Ansporn und Herausforderung für eine neue Objektserie, die sie „Jurameer“ nennt.

Text: Judith Brauner

Kunst + Handwerk: Keramik